Wie unsere Vorfahren schliefen: Der 8-Stunden-Schlaf ist ein Phänomen der Moderne

Herzgesundheit
21. November 2014

Wenn morgens der Wecker klingelt, wollen Sie gerne ausgeschlafen und fit in den Tag starten. Deshalb sollten Sie am Abend zuvor frühzeitig ins Bett gehen, um ungefähr sieben bis acht Stunden zu schlafen. Diese Gewohnheit ist die akzeptierte Schlafnorm und gilt als optimal.

Tatsächlich sind unsere Vorstellungen von gesundem Schlaf aber lediglich an unsere heutigen Lebensstandards angepasst. In der frühen Moderne waren die Umstände anders – und dementsprechend wurde auch anders geschlummert.

Andere Epoche, andere Sitten: Früher schlief man zweimal

Der Geschichtsprofessor A. Roger Ekirch von der Virginia Tech Universität veröffentlichte 2001 eine Studie, in der er seine Ergebnisse über das Schlafverhalten aus 16 Jahren Forschung vorstellte: Bis zum 17. Jahrhundert schliefen die Menschen nicht acht Stunden am Stück, sondern in Etappen über eine längere Periode von ungefähr 12 Stunden hinweg. Diese begann mit einem ersten Schlaf, der drei bis vier Stunden dauerte. Dann folgte eine zwei bis drei Stunden lange Wachphase, bevor man sich für den zweiten Schlaf wieder bis zum Morgen aufs Ohr legte.
In seinem 2005 veröffentlichten Buch „At Day’s Close: Night in Times Past“ untermauert Ekirch seine These für ein mehrteiliges Schlafverhalten in der frühen Moderne (ca. 1500-1750) mit über 500 Hinweisen aus Tagebüchern, Gerichtsdokumenten, medizinischem Schriftgut und Literatur von Homers Odyssey bis zu anthropologischen Berichten. Die zahlreichen Verweise zeigen, dass der Zwei-Phasen-Schlaf die akzeptierte Form der Nachtruhe war.
In der Wachphase blieben die Menschen häufig in ihren Schlafzimmern und nutzten die Zeit, um sich zu entspannen, zu lesen, zu beten, sich zu unterhalten, Holz im Feuer nachzulegen oder amouröse Beziehungen zu pflegen. Manche gingen sogar hinaus und besuchten Nachbarn.

Die Entstehung des 8-Stunden-Schlafs

In der prä-industriellen Ära galt die Nacht als Satans Spielzeit. Gute Leute, so der Glaube, seien nachts müde von der verrichteten Arbeit und blieben daher in ihren Betten. Nur schlechte Menschen trieben sich nach Einbruch der Dunkelheit in den Straßen herum. Außerdem gab es noch kein elektrisches Licht, weshalb die Sonnenstunden großen Einfluss auf den Schlafrhythmus nahmen.
1667 war Paris die erste Stadt der Welt, die ihre Straßen mithilfe von Wachskerzen in Glaslampen beleuchtete. Mit der Verbreitung von Straßenbeleuchtung, elektrischer Innenbeleuchtung und Straßencafes wurde die Nacht zu einer legitimen Zeit für Aktivität. Mehrere Schlafeinheiten galten zunehmend als Zeitverschwendung.
Ende des 17. Jahrhunderts verschwand die Praxis des ersten und zweiten Schlafs schließlich in der urbanen Oberschicht Nordeuropas. In den folgenden 200 Jahren breitete sich dieser Trend in der gesamten westlichen Gesellschaft aus, so dass in den 1920ern das Konzept von erstem und zweiten Schlaf komplett aus unserem sozialen Bewusstsein verschwand.

Durchschlafstörungen? Was wir von dem Zwei-Phasen Schlaf lernen können

Sind Sie schon mal mitten in der Nacht aufgewacht und haben verzweifelt, aber erfolglos, versucht, wieder einzuschlafen? Obwohl der Acht-Stunden-Schlaf heute etabliert ist, glaubt Ekirch, dass die Ursache von Durchschlafstörungen in unserer Veranlagung zum Zwei-Phasen-Schlaf sowie der Allgegenwärtigkeit von Licht liegen könnte.
Ein Blick auf das Schlafverhalten unserer Vorfahren zeigt, dass eine Wachphase nicht als Plage empfunden werden muss: Statt sich im Bett hin und her zu wälzen, genossen unsere Vorfahren die einzigartige Ruhe der Nacht, um sich zu entspannen und auszuruhen.
Die Erkenntnisse über den Zwei-Phasen-Schlaf suggerieren, dass das zwanghafte wiedereinschlafen-wollen kontraproduktiv sein kann. Sollten Sie also eines Nachts nicht durchschlafen können, probieren Sie doch einfach Ihre Wachphase zu akzeptieren und den Moment der Ruhe zu genießen, so wie unsere Vorfahren es zu tun pflegten.